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Allegorie und Geschichte: Die zeitgeschichtliche Konnotation Oskar Matzeraths in der Blechtrommel

Authors
Publisher
한국독어독문학회
Publication Date
Keywords
  • 알레고리
  • Allegory
  • 역사
  • 양철북
  • Blechtrommel
  • 예술가
  • 소시민

Abstract

Die sogenannte ‘prinzipielle Interpretationsfeindlichkeit’, mit der Klaus Wagenbach 1963 den Roman Die Blechtormmel charakterisierte, hat sich trotz der zahlreichen literaturkritischen Arbeiten anscheinend noch heute nicht überzeugend überwunden. Diese Hilflosigkeit der Forscher gegenüber dem Romanerstling von Günter Grass beruht nicht zuletzt auf dem mangelnden Verständnis jenes recht eigenartigen Gestaltungsprinzips des Romans, das m.E. durch den Begriff Allegorie angemessen zu bezeichnen ist. Unter dem Begriff Allegorie verstehe ich zunächst im etymologischen Sinne des Wortes Anders-Bildlich-Sagen. Ich wende ihn deshalb auf die Blechtrommel an, weil der Roman nach jenem Prinzip strukturiert ist, in dem etwas, was im Romantext direkt gesagt ist, fast immer etwas anderes meint. In der Blechtrommel herrscht also eine bestimmte Diskrepanz zwischen Bild und Bedeutung. Diese Ungleichheit bildet die Grundlage der besonderen Bildlichkeit der Grasschen Sprache. Die entscheidenden Markmale des Begriffs Allegorie lassen sich folgendermaßen stichwortlich zusammenfassen: 1. die Willkürlichkeit der Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem, zwischen Bild und Bedeutung, 2. die intellektuelle und rationale Auslegungsmöglichkeit des Textes bis in die einzelnen Details, 3. die wichtige Funktion des Sichtbaren und der Situation, 4. die Angewiesenheit auf die Erzählstruktur, 5. die intendierte Anregung zur Reflexion und schließlich 6. der geschichtliche Anschluß an die ästhetische Moderne einerseits und an das ontologische Krisenbewußtsein andererseits. Diese Eigenschaften der Allegorie decken sich, so meine These, mit dem Roman und dessen Autor sehr verbindlich. Oskar Matzerath, der Protagonist und Erzähler des Romans, ist in vieler Hinsicht die in dem Roman am konsequentesten allegorische Figur. Fast alles, was er spricht, tut und sieht, ist etwas, was anders gemeint ist. Auch seine Rhetorik, Darstellungsweise und Erzählperspektive, über die er als Erzähler verfügt, spielen in parodistischer Färbung auf etwas anderes an. Darüber hinaus steht sogar sein körperlicher Zustand für bestimmte Aspekte der zeitgeschichtlichen Implikationen. Also: seine büchstäblich ‘ganze’ Existenz stellt eine Allegorie dar. Ist Oskar eine allegorische Figur, was allegorisiert er denn dann? Dazu lautet meine These: Oskar Matzerath ist eine mehrgestaltige Allegorie auf jene sozialgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Komponenten, die in Deutschland das Zustandekommen des Nationalsozialismus mittelbar oder unmittelbar ermöglicht und in der Nachkriegsgesellschaft dessen Überwindung erschwert haben. Dabei spielt Oskar auf zwei Ebenen, also auf der kleinbürgerlichen wie der künstlerischen: Oskar als Kleinbürger ist die Figur, die für die Beziehung des deutschen Kleinbürgertums zum Nationalsozialismus einsteht, während Oskar als Künstler jene ästhetizistische Kunstauffassung allegorisiert, die sich in Deutschland seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts über die Nazi-Ära bis zur Nachkriegszeit ununterbrochen durchsetzen konnte. Oskar Matzerath ist das Konzept, in dem sowohl die zerstörerische Zeitstimmung des Dritten Reichs als auch die ästhetizistisch-irrationale Kunstvorstellung allegorisiert sind. Oskar ist die Perspektive, die die Entlarvung des nackten Kerns des Nationalsozialismus möglich macht. Oskar ist ferner das Demonstrationsobjekt, das mit seinem Körperzustand für den Infantilismus des Nazi-Deutschlands und das Verwachsensein der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft steht.

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