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Skepsis und Utopie : Goethe und das Fortschrittsdenken

Authors
Keywords
  • Ddc:830
  • Johann Wolfgang Von Goethe
  • Fortschritt

Abstract

1 Erschienen in: Goethe-Jahrbuch 110 (1993), S. 185–207. Klaus Michael Meyer-Abich / Peter Matussek Skepsis und Utopie. Goethe und das Fortschrittsdenken Hinweis: Im folgenden wird nur der von mir verfaßte Textteil wiedergegeben. (PM) 3. Das Fortschrittsthema als künstlerisches Problem Unter den Werken Goethes sind insbesondere die "Wanderjahre" und der "Faust II" immer wieder als Ratgeber für das rechte Fortschrittsbewußtsein herangezogen worden. So etwa vom ersten deutschen Reichspräsidenten in seinem Plädoyer für einen demokratischen Neubeginn: Nach dem Ersten Weltkrieg beschwor Friedrich Ebert den "Geist von Weimar", der "die großen Gesellschaftsprobleme" so behandeln müsse, wie "Goethe sie im zweiten Teil des Faust und in Wilhelm Meisters Wanderjahren erfaßt" habe; d.h. nach der Devise: "mit klarem Blick und fester Hand ins praktische Leben hineingreifen!"1 Der gutgemeinte Appell verfehlte sein Ziel. Aber war nicht schon seine Berufung auf Goethes Werke verfehlt? Der "Faust"-Schluß - das hat die Rezeption erst spät, dann aber um so nachdrücklicher hervorgehoben - ist höchst ambivalent. Zwar wird hier eine Sozialutopie verkündet, dies jedoch von einem störrischen Greis, dem jede Repressalie recht ist, um sein Projekt voranzutreiben, und der in seiner Verblendung nicht merkt, daß man ihm nur das eigene Grab schaufelt. Fausts Vision vom freien Volk auf freiem Grund ist eine absolutistische Vision; sie 1 Ebert (1926), S. 155f. 2 legitimiert durch die stete Präsenz der äußeren Gefahr das Gewaltmonopol des einzelnen, der alle unter sein Kommando bringt. Das idyllische Motiv des Miteinanders von Mensch und Herde (V. 11 565) nimmt in diesem Kontext Reklamecharakter an; mit dem Versprechen neuer Natürlichkeit wirbt es für ein Industrieprodukt - vergleichbar dem notorischen Präfix "Bio-" auf vielen heutigen Konsumgütern. Die Proklamation des Fortschritts2 steht hier im Zeichen der "tragischen Ironie"

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