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Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft

Authors
Keywords
  • Interkulturelle Studien
  • Interdisziplinäre Forschung

Abstract

Nach dem II. Weltkrieg wuchsen in Deutschland viele Kinder ohne Väter auf. Viele Väter waren im Krieg gefallen oder als vermisst gemeldet oder worden oder noch Jahre lang in Kriegsgefangenschaft gewesen. Auch für die wieder zurückgekehrten Väter war es nicht leicht. Denn die nun im Pubertät stehenden Jugendlichen erlebten die sich von ihnen als entfremdet empfundenen Väter nicht als vertrauensvolle Personen, denen man sich in allen Fragen ihres Lebens zuwenden kann, sondern lehnten in der Regel die Inanspruchnahme der väterlichen Autorität ab. Oftmals gab es noch größere Komplikationen, wenn der für tot erklärte Vater plötzlich wieder vor der Tür stand und ein der nach der Neuverheiratung seiner Frau neue Mann öffnete. Die Soziologen untersuchten in den 50iger Jahren die Folgen der „unvollständigen Familien“. Als unvollständig galt eine Familie, deren Vater entweder durch den Tod oder durch eine Toterklärung für die Erziehung der Kinder als Erziehungsfaktor ausfiel. Heute sprechen die Soziologen in bezug auf die Alleinerziehung der Mütter von „Einelternfamilien“. Nachdem das ganze Ausmaß der Zerstörung II. Weltkriegs der Mehrheit der deutschen Bevölkerung bewusst wurde und nachdem in den 60er Jahre das ganze Ausmaß der Vernichtung der Juden in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte, wurde zunächst im Bereich der Universitäten und dann in der breiten Öffentlichkeit diskutiert, wie man durch eine an Selbstentfaltung des Kindes und der Jugendlichen orientierte Erziehung in den Familien, dem Kindergarten, den Schulen und Hochschulen erreichen kann, dass Werte wie Gehorsam, Fleiß und Pflichterfüllung ihren Wert verlieren. Die Pädagogik in Westdeutschland wollte sich nach 1945 abgrenzen von der Devise, die Hitler für die Erziehung der Jugend ausgegeben hat. „Seid hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde“. Durch die Studentenbewegung 1968 verbreitete sich das Konzept der antiautoritären Erziehung und gewann in vielen gesellschaftlichen Bereichen in Westdeutschland eine große Resonanz. Orientiert an Jean-Jaques Rousseau und an der Reformpädagogik der 20er Jahre stand nun nicht mehr die Orientierung an Werten wie Gehorsam, genaue Pflichterfüllung und Ausdauer und Zähigkeit, sondern Selbstentfaltung der in jedem Menschen seit der Kindheit angelegten Fähigkeiten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die radikalste Konsequenz zogen die Vertreter der Antipädagogik. Sie lehnten jede Form der Erziehung überhaupt als repressiv ab. Sie betrachteten die Abwesenheit jeder Erziehungsmaßnahme als Voraussetzung für die Entfaltung der in jedem Kind schlummernden Kräfte und Fähigkeiten. Im Unterschied zu dieser Antipädagogik beharrten die Vertreter der demokratisch-emanzipatorische Erziehung darauf, dass sehr wohl auf Erziehung ankomme, allerdings auf die Erziehung der heranwachsenden Kinder zu bestimmten Werten wie Toleranz und gegenseitiger Respekt. Ende der 90er Jahre kam dann mehr und mehr die Auswirkung der vaterlosen Gesellschaft in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit, auf die bereits Alexander Mitscherlich in den 60iger Jahren hinwies. Mitte der 90er Jahre machte das Buch über die vaterlose Gesellschaft von Matthias Mattusek der Öffentlichkeit bewusst, dass der Abbau der väterlichen Autorität in Familie, Betrieb, Universität, Kirche negative gesellschaftliche Folgen hat. Vor allem für die Knaben hat die vaterlose Erziehung negative Folge. Die heranwachsenden Jugendlichen sind in der Regel instabiler, aggressiver und bleiben in den schulischen Leistungen immer mehr gegenüber den jungen Mädchen zurück. Der Ruf nach dem Vater als einer natürlichen Autorität wurde seitdem immer lauter. Heute sind wieder manche Pädagogen davon überzeugt, dass für die Herausbildung eines festen Charakters und für die Entwicklung lebenstüchtiger Menschen eine starke Persönlichkeit erforderlich ist, was im Fall der Familie der Vater ist bzw. sein sollte. Sogar der Ruf nach getrennten Jungen- und Mädchenschulen – gerade in der Zeit der Pubertät – wird nach der überall in Deutschland eingeführten Koedukation wieder diskutiert, da man feststellte, dass Jungen und Mädchen sich intellektuell und charakterlich positiver entwickeln, wenn sie getrennt unterrichtet werden. Nach Auffassung der Psychoanalytiker verhindert der Einfluss der Eltern – vor allem des Vaters – die harmonische Persönlichkeit. Nach Freud resultieren alle inneren Konflikt und alle psychischen Störungen von der väterlichen Autorität. Alle Versuche, den Einfluss der Eltern einzudämmen, führten aber nicht zu dem erwarteten Erfolg. Bereits die Tochter Freuds, Anna Freud, musste deprimierend feststellen, dass durch das Schwinden der elterlichen Strenge die Gewissensangst und die Angst vor der eigenen Triebstärke gewachsen sind. Dass die psychoanalytische Pädagogik hinter ihren anfänglich gesteckten Zielen zurückbleibt, hat Ermanno Pavesi in seinem Aufsatz „Die Krise der Familie und die Ideologie vom ‚Tod des Vaters‘ , deutlich gemacht. Die antiautoritär aufgewachsenen Kinder sind zwar anders als die früherer Generationen, aber sie sind nicht frei von Angst und Konflikten, wie die Psychoanalytiker hofften. Die antiautoritäre Erziehung beugt nicht Neurosen vor und führt nicht zur Bildung freier, selbstverantwortlich ihr Leben bestimmenden Persönlichkeiten. Durch die Verfehlung des angestrebten Ziels ist die Gültigkeit der von der psychoanalytischen Theorie abgeleiteten Hypothesen in Frage gestellt worden. Es hat sich heute allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass die fehlende Identifikation mit den Eltern die Bildung der individuellen Identität verhindert. Nur eine angemessene Beziehung zu den Eltern ermöglicht die Findung eines psychischen Gleichgewichts der heranwachsenden Jugendlichen und zur Identifikation mit einer bestimmten Rolle innerhalb der Gesellschaft. Die antiautoritäre Erziehung begünstigt die Übernahme der Rolle des ewigen Jugendlichseinwollens und verhindert die Übernahme der Mutter- bzw. Vaterrolle. Der Psychoanalytiker Erich Fromm und der Philosoph Herbert Marcuse glaubten im Sinne eines naiven Narzissmus, dass mit der Rückkehr zur Kindheit das Endziel des Sozialismus und der Revolution erreicht werden könne. Das hat sich als eine falscher Traum erwiesen, von dem nach dem Zusammenbruch des Kommunismus viele ernüchtert erwacht sind. Viele antiautoritär erzogene Kinder und Jugendliche haben das Gefühl tiefer Enttäuschung, da sie nicht zu fundierten Überzeugungen und ein Zentrum in sich selbst gefunden haben. Sie neigen als Erwachsene zu Verbitterung, Apathie, Fanatismus und Zerstörung. Ermanno Pavesi kommt zum Abschluss seiner Überlegungen zur Krise der Familie zu dem Ergebnis, dass sich auf dem Weg einer vermeintlichen Selbstverwirklichung sich der moderne Mensch allmählich von den Autoritätspersonen emanzipiert hat, die seine Autonomie einschränken: „Theologie des Todes Gottes, Anonymisierung oder Kollektivierung der Produktionsmittel und Ablehnung der Autorität sowohl in der Politik wie auch innerhalb der Familie sind verschiedene Aspekte dieses Prozesses. Mit dem Abbruch oder mindestens mit der Redimensionierung solcher Bindungen hat sich der Mensch die eigenen Wurzeln ausgerissen: er hat die Freiheit gesucht und er hat sich entwurzelt gefunden. Mit der Tötung des Vaters“ ist der Mensch nicht Übermensch , sondern Waise geworden.“ Der Prozess der ‚Tötung des Vaters‘ begann mit der Köpfung des Königs während der französischen Revolution und endete mit der verantwortungslosen Propagierung der Antipädagogik, Kinder nicht zu erziehen, sondern ohne erzieherischen Einfluss aufwachsen zu lassen. Eine künftige Pädagogik müsste nach dieser Erfahrung wieder an die Erkenntnisse der Antike anknüpfen. Nur wenn die Entwicklung zur Reife und Tugendhaftigkeit oberstes Ziel der Erziehung ist, kann es gelingen, verantwortungsbewusste, leistungsbereite und tüchtige Menschen heranzubilden.

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