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Verkleidung und Maskerade in der kanadischen Literatur: Die Werke von Frederick Philip Grove und Robert Kroetsch

Authors
Publisher
Universitätsbibliothek TrierTrierFachbereich 2Universitätsring 15, 54296 Trier
Publication Date
Keywords
  • 820
  • Englisch
  • Literatur
  • Kanada
  • Geschichte 1900-1999
  • Verkleidung <Motiv>
  • Maskerade <Motiv>
  • Interkulturalität
  • Kanadische Literatur
  • 20. Jh.
  • Verkleidungs-Motiv
  • Maskerade Von Charakter Und Text
  • Transkulturalismus
  • Canadian Literature
  • 20Th Century
  • Motif Of Disguise
  • Masquerade Of Characters And Text
  • Transculturalism

Abstract

Mit den beiden deutschstämmigen Autoren Frederick Philip Grove (1879-1948) und Robert Kroetsch (*1927) untersucht diese Arbeit zwei für die Entwicklung der kanadischen Literatur und ihrer regionalen Ausprägung (die Prärie) essentielle Figuren. Obwohl Kroetsch in seinen Essais und Vorträgen Grove mehrfach als literarischen Vorfahren und paradigmatischen Künstler bezeichnet hat und es zu beiden Monographien sowie zahlreiche Aufsätze gibt, ist dies die erste komparatistische Studie überhaupt. Dabei erfolgt der Zugriff über das bei beiden prägnante Motiv von Verkleidung und Maskerade. Zwar hat die Kritik dieses traditionelle Motiv (vgl. Homers Odyssee, oder viele Renaissance-Dramen) bei Kroetsch sporadisch und bei Grove v.a. biographisch betrachtet, aber nie im größeren Zusammenhang. Doch nicht nur laut Lloyd Davis kann das Verkleidungs-Motiv verstanden werden als Mittel der kultur-dialogischen Auseinandersetzung mit Identität – einem Thema also, das in der ehemaligen Kolonie und heutigen multikulturell definierten Einwanderungs-Gesellschaft Kanadas stets eine unausweichliche Relevanz hat(te). Als Untersuchungsinstrument dieser Studie erlaubt das Motiv somit das Hervorheben der Gemeinsamkeiten wie (natürlich auch zeitlich und z.T. räumlich bedingten) Unterschiede in den Werken von Kroetsch und Grove als Vertreter der (post)kolonialen Literatur Westkanadas einerseits, und andererseits die Untersuchung grundsätzlicher Fragen zur Charakterisierung von Figuren, zur Definition von Erzählpositionen und sogar von Genres. So folgen nach dem einleitenden Vorwort dieser Arbeit zwei vorbereitende Theoriekapitel zu Konzeptionen von Identität mit daraus ableitbaren bzw. anknüpfbaren Formen von Verkleidung und Maskerade, inklusive einer Besprechung des für diesen Bereich in Kanada konstitutiven Romans von John Richardson, Wacousta (1832). Im zweiten Großkapitel versucht je ein Teil die Mentalitätsgeschichte wie auch die Poetik der beiden Autoren durch eine Verankerung biographischer Elemente im Kontext des Gesamtwerks und der zeitgenössischen Kritik nachzuzeichnen. Grove, der 1912 in die kanadische Provinz Manitoba eingewandert und bald zum ersten Vertreter eines literarischen Prärie-Realismus geworden war, streifte nach vorgetäuschtem Selbstmord 1909 und beim Eintritt in die Neue Welt seine Identität als deutscher Übersetzer (u.a. Wilde, Wells, Flaubert) sowie als mäßig erfolgreicher Poet und Romancier Felix Paul Greve ab, um sie durch eine neue zu ersetzen. Das proteische Rollenspiel von 'FPG' – erst 23 Jahre nach seinem Tode entschlüsselt – hat immer wieder Einschlag gefunden in die Zeichnung seiner Charaktere, insbesondere einer Vielzahl von metonymisch angelegten Personae, einer auch heute noch die Kritiker beschäftigenden "collectivity of identities" (Cavell 12). Kroetsch dagegen, dessen deutsche Vorfahren Mitte des 19. Jahrhunderts nach Kanada auswanderten, ist in der Provinz Alberta geboren. Diese Heimat- wie Familiengeschichte thematisiert er ebenso wie generelle nationale Befindlichkeiten im Laufe seiner nun rund fünf Jahrzehnte währenden schriftstellerischen Aktivitäten. Seine ebenso progressiven wie experimentellen Ansätze haben ihm nicht zuletzt von Linda Hutcheon das Prädikat "Mr Canadian Postmodern" (Canadian Postmodern 183) eingebracht. Unter seinem postmodernen Instrumentarium ist besonders das von Foucault abgeleitete Prinzip der Archäologie zu nennen, das er als Metapher wie als Methode einsetzt; dazu gesellen sich u.a. Theorien von Barthes (Lesen/Schreiben als erotischer Akt), von Bachtin (Karnevalisierung der Literatur) und eine große Sensibilität für die Mythen und mündlichen Traditionen der nordamerikanischen Ureinwohner. Werden im dritten Großkapitel zwei Werke von FPG als Brückenschlag vom deutschen in den westkanadischen Kulturkontext diskutiert, so bildet das vierte Großkapitel schließlich mit drei direkten Vergleichen zentraler Prosawerke von Grove und Kroetsch das Herzstück der Analysen. Bei allen Affinitäten zwischen beiden Autoren deutet sich darin schon an, was die beiden Einzelanalysen im fünften Großkapitel noch einmal dezidiert untermauern: Kroetsch geht weit über die Vorleistungen Groves (dessen Charaktere und Texte letztlich nur Spielfiguren seiner eigenen Projektion und Identitätsauslotungen bleiben) und deren Parodie hinaus; seine entscheidenden Neuerungen und Inszenierungen des Gebrauchs des Verkleidungs-Motivs auf den Ebenen von Narrativik, Genre und Geschlechtertypisierung zeitigen einen deutlichen Zugewinn an psychologischer Tiefe und sozialgeschichtlicher Bezugsfähigkeit. Recherchearbeiten in den Spezialarchiven der University of Manitoba (Grove Papers) und der University of Calgary (Kroetsch Papers),Vorträge in Lund, Belfast und Winnipeg sowie die gelegentliche Zuhilfenahme eines von mir bereits 1996 mit Robert Kroetsch geführten Interviews haben zu dieser komparatistischen Studie beigetragen.

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