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Konjunkturprognosen in bewegten Zeiten: Die Kunst des Unmöglichen?

Authors
Publisher
RWI Essen
Publication Date
Keywords
  • Ddc:330

Abstract

Im Jahr 2009 hat der Ruf der Konjunkturprognostiker schwer gelitten. Hatten Sie nicht die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg nicht kommen sehen? Hatten Sie nicht ihre Prognosen erst angepasst, und dann auch nur zögerlich, als der Zusammenbruch des Finanzmarktes nicht mehr zu übersehen war? Ist es vor diesem Hintergrund nicht allzu verständlich, dass von einigen Seiten sogar gefordert wurde, man solle auf teure, mit öffentlichen Geldern hoch subventionierte Prognosen ganz verzichten? Nun wäre ein Verzicht mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Lösung, da der Bedarf an Prognosen hoch ist. Finanzminister, die ihre Haushalte aufstellen, benötigen sie ebenso wie Unternehmen bei ihrer Produktionsplanung oder die Tarifparteien bei ihren Lohnverhandlungen. Insofern dürfte die Zukunft der Prognostiker gesichert sein. Wenn Prognosen allerdings so ungenau sind, stellt sich die Frage, ob man sie nicht mit einfacheren und kostengünstigeren Verfahren ableiten könnte. Auch dies wage ich zu bezweifeln. Erstens zeigen Analysen vergangener Prognosen und ihrer Fehler nahezu übereinstimmend, dass detaillierte Expertenprognosen einfache, rein statistische Modelle an Genauigkeit übertreffen. Zweitens sind die Nachfrager keineswegs nur an der Vorhersage der Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts interessiert, auf die sich das ffentliche Interesse sehr stark konzentriert, sondern an einer Vielzahl ökonomischer Variablen, die sich aus einfachen Ansätzen nur schwierig konsistent ableiten lassen. Sicher, gute Prognostiker werden aus den jüngsten Fehlern lernen, wie sie aus jedem Fehler der Vergangenheit gelernt haben. Da jedoch jeder Konjunkturzyklus anders ist und sich die Geschichte selten in gleicher Weise wiederholt, besteht auch die Gefahr, dass sie das Falsche aus den jüngsten Erfahrungen lernen und daher bei künftigen Prognosen aufgrund unzureichender Analogien erneut zu falschen Schlüssen gelangen. Wichtiger scheint mir aber eine andere Konsequenz, die man aus den Erfahrungen der beiden vergangenen Jahren ziehen muss: Prognostiker müssen deutlich besser kommunizieren, was sie tun und wo die Grenzen ihrer Aussagen liegen. Gleichzeitig müssen die Nutzer der Prognosen auch deutlich stärker bereit sein, Grenzen prognostischer Aussagen zu akzeptieren und in ihren Planungen zu berücksichtigen. Vor diesem Hintergrund möchte ich etwas Verständnis für die Sache der Prognostiker zu wecken. Dabei kann ich mich durchaus an dem Stoffplan orientieren, den ich nunmehr seit 1993 versuche, den Studierenden hier in Essen in der Vorlesung 'Konjunkturdiagnose und -prognose' nahezubringen. Zunächst gehen die Überlegungen eher ins Grundsätzliche: Was ist eine Prognose und was können wir über die Zukunft wissen? Sodann soll auf den wichtigsten Rohstoff des Prognosegeschäfts eingegangen werden, auf die Daten, auf deren Grundlage wir unsere Vorhersagen erstellen, und die Anwender der Prognosen ihre Entscheidungen treffen. Der Ausflug ins Methodische soll an einem einfachen Beispiel verdeutlichen, wie schwierig es in der konkreten Situation sein kann, zu bestimmen, an welcher Position im Konjunkturzyklus sich die Wirtschaft befindet. Der vierte Abschnitt befasst sich mit der Evaluation früherer Prognosen und in diesem Zusammenhang mit der Frage, was man aus vergangenen Fehlern lernen kann und was die Forschung dazu beitragen könnte, künftige Prognosen zu verbessern. Aus alledem sollen abschließend einige Folgerungen gezogen werden.

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