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Zur Rolle familiärer Faktoren bei der emotionalen Störung mit Trennungsangst im Kindesalter

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Die emotionale Störung mit Trennungsangst ist eine der häufigsten Angsterkrankungen im Kindes- und Jugendalter (Cartwright-Hatton et al., 2006; Kessler et al., 2005). Familiären Faktoren, die zu den so genannten geteilten Umweltbedingungen (shared environment) gehören, wird für die Entstehung der Störung mit Trennungsangst eine wichtige Rolle zugemessen (Eley, Rijsdijk, Perrin, O’Connor & Bolton, 2008). Familienbeziehungen können für die Störung mit Trennungsangst besonders bedeutsam sein, da das Erstmanifestationsalter der Trennungsangst sehr früh ist und die Kinder mit Trennungsangst in einem Alter erkranken, in dem sie viel Zeit in der Familie verbringen und die Familie einen prägenden Einfluss nimmt. Zudem bezieht sich die Symptomatik dieses Störungsbildes direkt auf die Beziehungen zu den engsten Familienmitgliedern. Die vorliegende Arbeit betrachtete den Zusammenhang zwischen familiären Faktoren und der Entstehung und Aufrechterhaltung der Trennungsangst, indem sie in drei Teilstudien die Eltern-Kind-Interaktion, die familiäre Identifikation und die Familienstruktur in Familien von Kindern mit Trennungsangst im Vergleich zu Familien von Kindern mit anderen Angststörungen und Familien gesunder Kinder untersuchte. Sie bezog dabei explizit neben Mutter und Kind auch den Vater mit ein. Teilstudie Eltern-Kind-Interaktion Viele Kinder zeigen im Rahmen ihrer gesunden frühkindlichen Entwicklung vorübergehend Angst vor der Trennung von der Bezugsperson. Etwa zeitgleich beginnen Kleinkinder zudem durch Blickkontakt nach sozialen Informationen zu suchen. Durch diesen Prozess der sozialen Rückversicherung und des verwandten Modelllernens lernen Kinder und Jugendliche, ihre Emotionen zu regulieren. Die Teilstudie zur Eltern-Kind-Interaktion untersuchte mittels Verhaltensbeobachtung, wie Familien von Kindern mit Trennungsangst in einer störungsspezifisch bedrohlichen Situation interagieren. Die Stichprobe bestand aus 38 Familien von Kindern mit Trennungsangst, 26 Familien von Kindern mit einer anderen Angststörung und 13 Familien gesunder Kinder. Die Eltern-Kind-Interaktion wurde mit einem speziell für diese Studie entwickelten Kodiersystem erhoben. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sowohl Mütter als auch Väter von Kindern mit Trennungsangst in einer Trennungssituation spezifisches Verhalten zeigen. Mütter von Kindern mit Trennungsangst schauen häufiger und länger zu ihren Kindern als Mütter der beiden Kontrollgruppen. Mütter von Kindern mit Trennungsangst versuchen ihr Kind häufiger und Väter länger auf die Trennung vorzubereiten. Neben den Kindern mit Trennungsangst erleben auch deren Mütter im Vergleich zu den Müttern beider Kontrollgruppen und die Väter im Vergleich zu den Vätern der Klinischen Kontrollgruppe die Situation als beängstigender. Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass der Blickkontakt der Mutter zum Kind Prädiktor für die Dauer des Abschieds und das emotionale Coaching des Vaters Prädiktor für die State-Angst des Kindes ist. Teilstudie Familiäre Identifikation Die Teilstudie zur familiären Identifikation untersuchte die reale und ideale Identifikation sowie die Selbstkongruenz von Kindern mit Trennungsangst und ihren Eltern. Die Stichprobe bestand aus 80 Familien von Kindern mit Trennungsangst, 37 Familien von Kindern mit einer anderen Angststörung und 31 Familien gesunder Kinder. Die familiäre Identifikation wurde mit dem Familien-Identifikations-Test von Remschmidt und Mattejat (1999) erhoben. Die Ergebnisse weisen daraufhin, dass Kinder mit Trennungsangst in ihren Familien eine Sonderrolle einnehmen. Die Kinder selbst, aber auch die Eltern von Kindern mit Trennungsangst nehmen sich weniger ähnlich zu anderen Familienmitgliedern wahr als Familienmitglieder aus Familien gesunder Kinder. Auffallend ist, dass die Eltern von Kindern mit Trennungsangst dies in ihrem Wunschbild nicht anders darstellen. Bezüglich der Selbstkongruenz berichten Kinder mit Trennungsangst über weniger Zufriedenheit mit ihrem Idealbild als gesunde Kinder. Für keine Analyse der Teilstudie zur familiären Identifikation fanden sich Hinweise auf ein störungsspezifisches Identifikationsmuster. Teilstudie Familienstruktur Die Teilstudie zur Familienstruktur untersuchte, ob Familien von Kindern mit Trennungsangst häufiger verstrickte, also hochkohäsive und niedrig hierarchische, Familienbeziehungen aufweisen. Die Stichprobe bestand aus 71 Familien von Kindern mit Trennungsangst, 25 Familien von Kindern mit einer anderen Angststörung und 29 Familien gesunder Kinder. Die Familienstruktur wurde mit dem Familiensystemtest von Gehring (1998) erhoben. Die Ergebnisse zeigen keine signifikanten Unterschiede bezüglich verstrickter Familienbeziehungen zwischen den Untersuchungsgruppen. Schlussfolgerung Die Ergebnisse der Studie deuten auf eine interaktionelle Komponente der Störung mit Trennungsangst hin. Eltern von Kindern mit Trennungsangst tragen möglicherweise aufgrund ihres spezifischen Verhaltens in Trennungssituationen und über die spezifischen familiären Identifikationsmuster zur Aufrechterhaltung der Störung bei. Erstmals wurden in der vorliegenden Studie die Väter mit einbezogen. Diese Befunde erweitern damit das Verständnis der emotionalen Störung mit Trennungsangst und sollten bei der Entwicklung einer störungsspezifischen, psychologischen Behandlung des Störungsbildes Berücksichtigung finden.

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