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Auswirkung der extensiven Freilandhaltung von Schweinen auf Gefäßpflanzen in Grünlandökosystemen

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Publication Date
Keywords
  • 570 Biowissenschaften
  • Biologie

Abstract

Die Freilandhaltung von Schweinen stellt eine alte Form der Landnutzung mit einer charakteristischen Flora dar. Sie ist in Mitteleuropa fast vollständig in Vergessenheit geraten, wurde aber durch das BMBF-Projekt "Schweinefreilandhaltung im Rahmen der Landschaftspflege" wieder eingeführt. Dazu wurden fünf Weiden von jeweils ca. 2 ha Größe ausgewählt (Stromtalaue der Elbe, Bachaue, Kalkscherbenacker und verbrachtes Niedermoor im Weserbergland und eine Bergweide der Schwäbischen Alb) und mit regionaltypischen Rassen (Angler Sattelschwein, Düppler Weideschwein und Schwäbisch Hällisches Schwein) in extensiver Besatzleistung von 0,1 bis 1,2 GV*a/ha drei Jahre lang bestückt. In dieser Dissertation werden Vegetationsveränderungen mit Hilfe von Dauerquadraten auf den neu angelegten Schweineweiden analysiert: (1) Die Schweineweiden differenzieren sich von den Behandlungsvarianten der Vergleichsflächen (konventionellen Beweidung/Mahd). Lediglich in produktiven oder wenig beweideten Untersuchungsgebieten stellen sich lokale Verbrachungen ein. Am Elbestandort wird eine Förderung zahlreicher feuchtigkeitsliebender Arten nachgewiesen, die aus historischen Aufzeichnungen alter Schweineweiden bekannt sind (z.B. Alisma-, Bidens-, und Juncus-Arten und Arten der Wasser-Hahnenfuß-Gruppe). (2) Segetalarten nehmen signifikant zu. Die Förderung von Arten der Zwergbinsengesellschaften wird an Einzelarten belegt. (3) Der Besatz von Schweinen führt aufgrund der Wühlaktivitäten zu einem erheblichen Offenbodenanteil. Auf den so geschaffenen Störstellen laufen viele annuelle Kräuter auf. Zuvor bestandsbildende Gräser werden zurückgedrängt. (4) Dadurch steigt auf Schweineweiden sowohl die räumliche als auch die zeitliche Dynamik. Die höhere Dynamik hat in dem Niedermoorstandort nach einer Wiedervernässungsmaßnahme zur Folge, dass sich die Vegetation auf der Schweineweide schneller den neuen standörtlichen Bedingungen angepasst und feuchtigkeitsliebende Arten stärker zunehmen als auf einer Referenzbrache mit gleicher Vernässung. (5) Die meisten Arten können auf der Schweineweide über die drei Beobachtungsjahre trotz intensiver Störung überleben. Mit zahlreichen neu etablierten Arten ergibt sich eine Nettozunahme der Artenvielfalt auf Schweineweiden. (6) In den meisten Weidegebieten ergibt sich in bodenchemischen Untersuchungen und indiziert durch Ellenberg'sche Nährstoffzeigerwerte eine leichte Eutrophierung. Zur Abschätzung des Ausbreitungspotenzials von Pflanzenarten durch Schweine wurde Schweinekot gesammelt und kultiviert. Die gefundenen Arten korrelieren sowohl mit der Diasporenbank des Bodens als auch mit der fruchtenden Vegetation. Aus der Präsenz/Absenz-Analyse wird geschlossen, dass alle Diasporen grundsätzlich das Potenzial besitzen, von Schweinen ausgebreitet zu werden. Die Ergebnisse verdeutlichen die historische Bedeutung von Freilandschweinen als Vektor zur Ausbreitung von Arten in der Kulturlandschaft. Schweine sind die einzigen großen Herbivoren, die erhebliche Mengen der Diasporenbank im Boden ausbreiten. Als Besiedlungsquellen für Pflanzenarten, die neu auf die Schweineweiden gelangt sind, kommt die Aktivierung der Diasporenbank, Einwanderung aus anderen Teilen der Weide, eine Ausbreitung aus der Umgebung durch Wind und in geringem Umfang ein zoochorer Transport beim Umsetzen der Schweine in Frage. Für alle Möglichkeiten wurden Artbeispiele gefunden. Die Diasporenbank besitzt nach den erfolgten Abschätzungen die größte Bedeutung als Besieldungsquelle. Dies kann auch mit dem Fallbeispiel Peplis portula belegt werden. Um den Einfluss der Schweinefreilandhaltung nicht nur auf die untersuchten Arten ausdrücken zu können, sondern auch über den Artenset hinaus zu generalisieren, werden die Ergebnisse des Vegetationsmonitoring funktionell untersucht. Damit wird die Zunahme von Therophyten, von annuellen Arten, von Arten mit flachen Wurzelsystemen, mit langlebiger Diasporenbank und ohne vegetative Ausbreitungsfähigkeit und die Abnahme der Mahdverträglichkeit und des Futterwertes ermittelt. Zusätzlich wird mit einer multivariaten Analyse der zunehmenden Arten gezeigt, dass neben den generativen auch vegetative Regenerationsstrategien auf den Weiden realisiert werden. Diese Ergebnisse können als Basis für die Vorhersage der Vegetationsentwicklung auf neu errichteten Schweineweiden herangezogen werden. Das Störungsregime der Schweineweide führt somit zu einer Reduktion etablierter, dominanter und konkurrenzkräftiger Arten und ermöglicht die Etablierung konkurrenzschwacher Arten. Dies ist eine Chance für gefährdete Arten der heutigen Kulturlandschaft, die durch mangelnde Populationsverjüngung gefährdet sind. Schweinebeweidung kann darüber hinaus entsprechend dem lokalem Artenpool als Naturschutzmaßnahme zur Förderung gefährdeter Segetalarten, Zwergbinsenarten und historischer Schweineweidearten oder zur Wiederherstellung dynamischer Prozesse angewandt werden.

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