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Der Charakter der Kontemplation im Zusammenleben mit Marxismus

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Institute of Philosophy and Theology of Society of Jesus
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Abstract

Von der konkreten Situation des Zusammenlebens der gläubigen Christen mit den Marxisten ausgehend, hält es der Autor für Interessant und nützlich, ein Element unseres geistigen Lebens hervorzuheben und dieses unter dem Gesichtspunkt der marxistischen Gedankengänge näher zu betrachten. Hier wählte er die Kontemplation, die er jedoch nicht in ihrer ganzen Fülle, sondern nur evolutiv untersucht, d. h. insofern sie sich als eine Geistesanstrengung zu dieser Fülle zu kommen erweist. An dieser Stelle passt daher mehr die Bezeichnung Meditation als Kontemplation. In der Ideenwelt der marxistischen Gesellschaftskritik, welche die Marxisten durch ihre revolutionäre Praxis verwirklichen wollen, ist ein Christ, der sich nicht bemüht, durch die Erkenntnis der christlichen Mysterien und in ihrem Licht eine gesunde Kritik an der christlichen Wirklichkeit zu üben und sie nach den Forderungen des Evangeliums zu ändern, überhaupt nicht denkbar. Schon in jedem Ansatz der Kontemplation muss ihre Ausrichtung auf die christliehe Praxis hin sichtbar werden, u. z. als Liebe zur Wahrhaftigkeit und zur Verwirklichung des Mysteriums Christi in der Menschheit, die ihm in ihrem geschichtlichen Zusammenhang zur bleibenden Wohnung geworden ist. Der Autor nennt dies Kontemplation für Aktion. Bei dem marxistischen Wirken geht es nicht um das Wirken als solches, sondern um das marxistische Wirken, das in der marxistischen Wesensvision des Menschen seinen Sinn erhält. Daher sind die Kommunisten in jedem Arbeitskollektiv gegenwärtig. Auch bei uns Christen bleibt eine Tat ohne kontemplativen Inhalt unvollendet, sinnleer, unvermenschlicht und unverchristlicht. Ein Mensch, der contemplativus in actione ist, versucht, um dem Streben nach der Sinnhaf-tigkeit seines Wirkens überhaupt treu zu bleiben, den kontemplativen Inhah in sein Wirken bis zu seiner Sättigung einsickern zu lassen. So werden Welt und Geschichte ihren vollen Sinn und der Mensch sein echtes menschliches und christliches Antlitz erhalten. Die Praxis verlangt also Kontemplation als ihren Inhalt und Sinn. Wollen wir eine ernste Kontemplation realisieren, so muss sie tief ins Meer der Praxis und des historischen Geschehens eingetaucht werden. Die Marxisten lassen sich vom Grundsatz leiten: Rechte Ideen entstehen aus der gesellschaftlichen Praxis. Ein echt kontemplativer Mensch kann und muss in allen alltäglichen Ereignissen, in grossen und kleinen, in gegenwärtigen und zukünftigen, bei Einzelnen und in der Masse Raum für Ausbreitung des christlichen Existenzials finden, sowie jene Stellen entdecken, die dieses Existenzial in seinem Streben nach Christusähnlichkeit behindern. Obwohl der Satz: »Es interessiert uns nicht so sehr, was ein Mysterium in sich ist, sondern was es für uns ist« nicht gerade am glücklichsten formuliert ist, so sagt er doch das Bedürfnis nach dem contemplativus ex actione aus. Der Marxist steht nie vor der revolutionären Praxis allein. Nicht nur deswegen, weil ein Einzelner die entfremdete Gesellschaft zu ihrer Echtheit nicht bringen kann, sondern auch weil der Einzelne wegen des ihm angeborenen Egoismus Gefahr läuft, ohne den Einfluss des Kollektivs sich seihst zu entfremden. Es gibt vielleicht keinen anderen dem Individualismus so stark ausgesetzten Ort wie eben die Kontemplation. »Seinen Gott in Kontemplation haben« kann man in vernünftigen Grenzen als legitim betrachten, darf es jedoch nicht zur Berechtigung des Individualismus werden. Wie der Marxist in seiner Praxis, so steht auch der Christ in der Kontemplation nicht allein. In der Kirche gibt es keine Mystiker, sondern die Kirche selbst als der mystische Leib, von dem sich ein Einzelner weder durch seine christliche Existenz noch durch sein Wirken trennen kann, ist ein grosser Mystiker. Die Verbundenheit mit dem Volk Gottes im jetzigen geschichtlichen Zeitpunkt ist für die Bestimmung des Standortes eines kontemplativen Menschen vor Gott von grosser Bedeutung. Es gibt keine Identifikation mit Gott durch die Kontemplation ohne eine Identifikation mit den konkreten Mitmenschen. Man kann sich den Mitmenschen nicht entfremden, ohne sich zugleich auch Gott dem Fundament und der Einheit unseres gemeinsamen Bewusstseins zu entfremden. Daraus kommt das Bedürfnis nach der Kontemplation de contemplativo.

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